Zeichnung eines abstrakten, verzweigten Netzwerks mit Etiketten wie 'Wissenschaft', 'Politik', 'Wirtschaft' und 'KI', das sich an einigen Stellen auflöst – symbolisch für die Krise funktionaler Differenzierung.
Zeichnung eines abstrakten, verzweigten Netzwerks mit Etiketten wie 'Wissenschaft', 'Politik', 'Wirtschaft' und 'KI', das sich an einigen Stellen auflöst – symbolisch für die Krise funktionaler Differenzierung.

Die Debatte über die Zukunft der Systemtheorie gibt einem Kollegen, der Theoriegeschichte verfolgt, gemeinsamen Kontext.

Systemtheorie in der Krise? Handlungsfluss und Kernfakten

Der Luhmann-Kongress 2026 an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen stand unter dem Motto „Luhmann 100. Zur Gegenwart eines Theorieprogramms“ und bot eine Momentaufnahme der systemtheoretischen Debatte. Anlass war nicht nur der 100. Geburtstag von Niklas Luhmann, sondern auch die Frage, ob seine Theorie der autopoietischen, funktional differenzierten Gesellschaft noch auf die digitale Gegenwart passt. Während die Systemtheorie außerhalb der Universität Einfluss auf Unternehmenspraxis hatte, blieb ihre Anerkennung innerhalb der Geisteswissenschaften begrenzt – kein Exzellenzcluster oder geförderter Forschungsverbund widmete sich ihr bisher.

Die Konferenz thematisierte, ob die Systemtheorie die aktuelle historische Transformation, insbesondere durch KI und digitale Medien, erklären kann. Medienphilosophin Sybille Krämer und Kulturwissenschaftler Martin Warnke betonten, dass KI-basierte Kommunikation zwar statistisch und nicht-intelligent ist, aber realen Einfluss auf gesellschaftliche Systeme hat. Dies stellt die operative Geschlossenheit und Autopoiesis der Systeme – etwa der Wissenschaft – in Frage. Die zunehmende Nutzung von KI im wissenschaftlichen Schreiben und Peer-Reviewing droht, das Wissenschaftssystem zu entdifferenzieren und es der Logik des Wirtschaftssystems anzunähern.

Ein zentrales Problem bleibt die Nicht-Normativität der Systemtheorie: Sie beschreibt, ohne zu werten – doch gerade bei kritischen Entwicklungen wie der Effizienzsteigerung durch KI fehlt ein Instrumentarium zur gesellschaftlichen Einordnung. Diskutiert wurden kritische Erweiterungen, doch die Stimmung blieb wehmütig: Die Zeppelin-Universität stellt die Kultur- und Gesellschaftsanalyse aus Kostengründen zugunsten der Wirtschaftspsychologie ein – womit auch die Bühne für solche Debatten schrumpft.

Fakten

  • Der Luhmann-Kongress 2026 fand an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen unter dem Titel „Luhmann 100. Zur Gegenwart eines Theorieprogramms“ statt.
  • Soziologe Rudolf Stichweh bemerkte, dass die systemtheoretische Schule an deutschen Universitäten keine großen Forschungsverbünde oder Exzellenzcluster hervorgebracht hat.
  • Sybille Krämer plädierte dafür, von „Künstlicher Kommunikation“ statt von „Künstlicher Intelligenz“ zu sprechen, da KI-Modelle keine menschliche Intelligenz nachahmen.
  • Martin Warnke warnte, dass die Nutzung von KI im wissenschaftlichen Schreiben und Peer-Reviewing das Wissenschaftssystem entdifferenzieren und es der Wirtschaftslogik angleichen könnte.
  • Die Zeppelin-Universität stellt die Kultur- und Gesellschaftsanalyse aus Spargründen zugunsten der Wirtschaftspsychologie ein.

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